IX. Der historische Jesus

IX. Der historische Jesus

Mehr als eineinhalb Jahrhunderte waren die neu testamentlichen Gelehrten auf der Suche nach dem historischen Jesus. In dieser Periode war es da Hauptanliegen, das „Menschsein des Meisters“ aufzudecken (um den Ausdruck von Dr. Harry Emerson Fosdick zu gebrauchen). In unserer Zeit waren einige der hilfreichsten Studien auf diesem die Bücher über die Beziehung Jesu zu dem prophetischen Judaismus, über seine Beziehung zu den sektenähnlichen jüdischen Bewegungen, wie sie von der Gemeinde am Toten Meer repräsentiert werden, und über seine Beziehung zu den zelotischen Freiheitskämpfern. All diese Gruppen entsprangen, wen auch in den verschiedensten Formen, dem apokalyptischen und eschatologischen Milieu im Palästina des 1. Jahrhunderts. Man mag über die Details streiten, doch die Forschung nach dem historischen Jesus bedeutet, dass er ein Mann war, dessen messianische Rolle die Errichtung des Reiches Gottes auf Erden einschloss.

Auf was bezieht sich dann die Rolle des Messias? Sie bezieht sich darauf, die Macht Satans auf Erden zu brechen. Sie bezieht sich darauf, den Menschen von satanischer Kontrolle zu befreien. Sie bezieht sich darauf, das Reich des Dunkels zu verbannen und unsere Welt mit göttlichem Licht zu erhellen. Um einen traditionellen katholischen Ausdruck zu gebrauchen (der auch einmal im protestantischen Bereich üblich war), Reich Gottes heißt: „Christus Rex“ (Christus, der König) und „Christus Victor“ (Christus, der Sieger).

Wenn das die Rolle des Messias ist, für Juden, für die Jünger und für Jesus, dann ist offensichtlich, dass Jesus starb, bevor diese Mission erfüllt werden konnte. Für die Juden war Jesus nicht der Messias, weil er nicht das messianische Zeitalter herbeibrachte. Auch für orthodoxe Christen hat Jesus das Reich Gottes nicht zu Lebzeiten eingeleitet, sondern sein irdisches Leben war nur ein Vorgeschmack des messianischen Zeitalters, das, wie sie sagen, in der Zukunft kommen soll. Wir haben nicht die Zeit, zu zeigen, was aus der Stimmung eschatologischer Erwartung, die die Christenheit des Neuen Testamentes charakterisierte, geworden ist. Der Basler Martin Werner hat in diesem Zusammenhang eine aufschlussreiche Studie verfasst, die zeigt, wie die „Entstehung des christlichen Dogmas“ eigentlich Geschichte einer graduellen De-Eschatologisierung der ursprünglichen Botschaft Christi ist.