VI. Vergleichende Religion

VI. Vergleichende Religion

Die gelehrten Experten in vergleichender Religionswissenschaft haben festgestellt, dass der Bericht vom Garten Eden offensichtlich sexuelle Begriffsinhalte hat. Die Schlange ist ein wohlbekanntes Symbol der Männlichkeit- und die Frucht des Baumes der Erkenntnis des Guten und Bösen symbolisiert den weiblichen Aspekt der Zeugung. Wie Jean Cardinal Danielou, der berühmte französische Gelehrte frühen christlichen Denkens sagte: „In der Eden-Erzählung stößt man auf Materialien, die von den Fruchtbarkeitskulten der alten nahöstlichen Zivilisationen bezogen worden sind.“

Diese Interpretation entspricht einer Deutung, die man sowohl in der jüdischen Literatur der intertestamentalen Periode als auch bei einigen christlichen Schreibern der nachapostolischen Zeit wiederfindet. Was Einzelheiten betrifft, möchte ich auf das Buch von Prof. F. R. Tennant verweisen: „The sources of the Doctrines of the Fall and Original Sin“ oder auf mein eigenes Buch „Unification Theology and Christian Thought“.

Wie die Historiker berichten, war der Sündenfall kein größeres Diskussionsthema bei den jüdischen Rabbis der vorhellenistischen Periode, aber für die Christen der paulinischen Zeit war es eine fundamentale Doktrin. Auf jeden Fall ist anhand von Dokumenten belegbar, dass in den zwei Jahrhunderte vor der Niederschrift des Neuen Testamentes und den zwei Jahrhunderten vor dem Konzil von Nizza die sexuelle Interpretation des Sündenfalles eine der Erklärungen war, die in Rabbiner- und Christenkreisen zirkulierten.

Vielleicht mögen Sie jetzt fragen, warum diese Interpretation nicht autorisiert wurde. Warum zog Augustinus es vor, die ursprüngliche Sünde als Ungehorsam, Stolz und Rebellion zu erklären? Wir haben keine Möglichkeit, eine sichere Antwort auf solche Fragen zu geben, aber man kann doch einig vernünftige Vermutungen anstellen. Die frühere Kirche musste die Gnostiker widerlegen, die das Fleisch mit dem Bösen identifizierten, und zweifellos hätte eine sexuelle Erklärung von Genesis 2 missbraucht werden können, um den gnostischen Dualismus noch mehr zu unterstützen.

Auch förderte die Augustinische Definition der ursprünglichen Sünde – als Ungehorsam, Stolz und Rebellion – die Tugenden des Gehorsams, der Demut und der Unterwerfung zu einer Zeit, in der da römische Reich sich in der Gefahr des Zerfalls befand. Was die Reformer des 16. Jahrhunderts betrifft, wollten sie bei ihrem Versuch, zur Schrift zurückzukehren, wohl kaum etwas finden, was ihre Angriffe auf das klerikale Zölibat und das Mönchtum hätte schwächen können.

Was noch bedeutender ist, hilft uns nicht die sexuelle Erklärung der ursprünglichen Sünde, die heikle Lage des Menschen zu verstehen. Seit den Tagen von Freud haben Psychiatrie und Psychotherapie die destruktive Kraft missbrauchter Liebe aufgezeigt. Sicherlich liegt hier die Krankheit, die die menschlichen Beziehungen vergiftet und den Menschen von Gott trennt. Sie richtet die Familie zugrunde. Sie verzerrt die reinen Beziehungen zwischen Männern und Frauen. Sie ist ein dominierender Faktor bei weitverbreiteten sozialen Problemen wie Jugendkriminalität, Alkoholismus, Drogenabhängigkeit, Missachtung von Recht und Gesetz usw. Gibt es eine bessere Erklärung für die Aggressivität, die Frustration, den Hass und die innere Verzweiflung, die die Menschheit so fürchterlich bedrängen, die die Gesellschaft spalten und den Menschen von seinem Schöpfer entfremden?

In der Tat kann man auf der Grundlage einer solchen Exegese der Garten-Eden-Erzählung erkennen, warum das Laster sexueller Gier die Quelle aller anderen menschlichen Übel ist, eine Tatsache, die die traditionelle katholische Ethik schon immer herausgestellt hat.