Vereinigungskirche

Kurzer Abriss zur Geschichte der Vereinigungskirche in Österreich

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Am 1. Mai 1954 gründete Reverend Sun Myung Moon (1920-2012) gemeinsam mit fünf Mitgliedern in Seoul, Südkorea, eine erste Gemeinde unter dem Namen Heilig-Geist-Gesellschaft zur Vereinigung des Weltchristentums[1] (HGG-VWC), kurz auch als Vereinigungskirche bezeichnet. Als zentrale theologische Schrift der Vereinigungslehre fungiert Das Göttliche Prinzip, die systematische Darstellung jener Erkenntnisse, die Rev. Moon im Laufe seiner intensiven und oft tränenreichen spirituellen Suche gewann. Die ursprüngliche Bestrebung des Gründers lag darin, das weltweite Christentum zu vereinigen, um eine geistige Erneuerung herbeizuführen, die ideologische Verblendung durch den Kommunismus zu überwinden und ein Friedensreich auf Erden zu errichten. Die Bewegung expandierte im Jahr 1958 nach Japan und ein Jahr darauf in die Vereinigten Staaten. 1963 kamen die ersten Missionare der Vereinigungskirche in Deutschland an.

Unter der geistigen Führung von Paul Werner (1927-2008), einem Sohn eines lutherischen Pfarrers aus Pommern, begannen die missionarischen Aktivitäten der Vereinigungskirche in Österreich ab dem 19. Mai 1965. Werner ist der Gemeinschaft im Sommer 1963 in Sacramento, Kalifornien, gemeinsam mit seiner Familie beigetreten. Sein multifunktionaler VW-Bus bildete das erste „Zentrum“ der Vereinigungskirche in Österreich. Im Winter 1965/66 mietete er zwei kleine Räume in einem alten Haus am Donizettiweg 23 im 22. Bezirk. Diese Räume waren nur durch eine Leiter an der Außenwand erreichbar und es fehlte an fließendem Wasser, Sanitär- oder Heizanlage. Trotz der widrigen äußeren Umstände und zahlreichen Ablehnungen, gewann Werner auf der Grundlage intensiver Gebete, Fastenbedingungen und hingebungsvoller Missionsarbeit ab Februar 1966 seine ersten Nachfolger. Bereits im Frühjahr 1966 wurden Wohnungen in der Schlüsselgasse 9 (4. Bezirk) und die Zirkusgasse 37 (2. Bezirk) als Kommunen der österreichischen Vereinigungskirche eröffnet. Weitere Zentren wurden später in der Ölzeltgasse 1B/8 (3., März 1967), der Schlüsselgasse 3 (4., November 1968) und der Albertgasse 14 (8., August bis November 1968). An diesen Orten lehrte Paul Werner in den ersten Jahren seiner Mission fast täglich und mit großem Enthusiasmus das Göttliche Prinzip und schuf damit einen „Hafen für den Geist Gottes“.

Im April 1966 wurde die Eintragung des Vereins Gesellschaft zur Vereinigung des Weltchristentums (GVW) bei der Sicherheitsdirektion in Wien beantragt und am 16. Mai 1966 positiv beschieden. Die GVW erklärte als Zweck des Vereins laut in ihren Statuten (§2) die Vereinigung der Menschen unter Gott, und zwar „über die kirchlichen, politischen, nationalen, rassischen und sozialen Schranken hinweg“. Für diese Aufgabe bot die Gemeinschaft „Lehrgänge, Diskussionen, Vorträge, Seminare“ und Literatur an, um die Beschäftigung mit religiösen Fragen anzuregen. Im Mittelpunkt der Tätigkeit der GVW stand die Verbreitung der Lehre des Göttlichen Prinzips, das Menschen inspirieren sollte, „ein auf Gott ausgerichtetes Leben zu führen“.

Im Dezember 1966 konnte die GVW bereits 12 Mitglieder verzeichnen. Ende 1967 stieg die Zahl der Mitglieder jeweils auf 20 und im Jahr 1968 auf über 30 Personen. Allmählich wurden die lokalen Behörden und kirchlichen Autoritäten auf die Missionserfolge der jungen Gemeinschaft aufmerksam, und eine Welle der medialen und amtlichen Stigmatisierung begann sich anzubahnen. Ungeachtet der vermehrten Skepsis und Verfolgung expandierte die Bewegung nach Graz (September 1966) und Linz (1967). Bereits im Jahr 1968 entsandte die österreichische Vereinigungsbewegung Pioniere in die Schweiz (Bernhard Maierhofer) und in die damals noch kommunistische Tschechoslowakei (Emilie Steberl). Ab dem Herbst 1968 wurden Vorträge über das Göttliche Prinzip in Räumlichkeiten der Technischen Universität sowie der Universität für Bodenkultur in Wien gehalten. In die Frühzeit der Vereinigungskirche in Österreich fällt auch eine persönliche Begegnung zwischen Kardinal Franz König (1905-2004), dem Erzbischof von Wien, und Paul Werner. Die Atmosphäre des Treffens wurde von Christel Werner, der Ehegattin von Werner, als offen und herzlich beschrieben.

Am 26. März 1969, während des zweiten Besuchs von Rev. Moon in Deutschland, wurden die nationalen Leiter der Vereinigungsbewegung in Deutschland und Österreich ausgetauscht. Somit wurde Paul Werner nach Deutschland berufen und Peter Koch (1927-1984), vormals der Leiter der deutschen Kirche (ab 1963), übernahm die Leitung der jungen Gemeinschaft in Österreich. Unter Koch blühte unsere heimische Bewegung auf und erreichte den Höhepunkt ihrer Aktivitäten zwischen 1970 und den frühen 80er Jahren. 1975 zählte die Gemeinschaft bereits über 200 Mitglieder. Ein beträchtlicher Teil der österreichischen Mitglieder wurde Mitte der 1970er Jahr für die Mission nach Deutschland und in die USA sowie  im Jahr 1978 nach Großbritannien geschickt.

Nach fast acht Jahren des Bestehens der GVW als eingetragener Verein, wurde sie aus vorgeblich formellen Gründen („wegen statutenwidriger Überschreitung seines Wirkungskreises“ und „wegen irreführenden Titels“) am 4. Jänner 1974 durch die Magistratsabteilung 62, die damals zuständige Vereinsbehörde der Sicherheitsdirektion für Wien, aufgelöst. Auch der Versuch eine „Gesellschaft zur Förderung der Vereinigungskirche“ Ende Jänner 1974 wurde von den Behörden untersagt. Obwohl in dieser Causa das Recht der Vereinigungskirche auf Vereins- und Religionsfreiheit sowie der Gleichheitsgrundsatz wiederholt verletzt wurden, blieben Beschwerden an den Verwaltungs- und an den Verfassungsgerichtshof ohne Ergebnis. Aufgrund einer Generaldirektive (einer sog. „Weisung von Oben“) führten Kriminalbeamte im ganzen Bundesgebiet langjährige Einvernehmen und Erhebungen zur jungen Religionsgemeinschaft durch, die jedoch keine der im Raum stehenden Verleumdungen bestätigen konnten. Dem kingdombuilding-Aktionismus der Mitglieder tat diese Episode keinerlei Abbruch. Nach jahrelangen, geradezu kafkaesken Behördengängen formierte sich schließlich die Vereinigungskirche in Österreich ab 1. Jänner 1980 als Gesellschaft bürgerlichen Rechts (Ges. b. R.).

Zu den wichtigsten Schwerpunkten, die von Peter Koch gesetzt wurden, gehörte das bis 1990 verdeckt gehaltene Projekt „Mission Butterfly“. Koch griff die Vision Rev. Moons auf, die Menschen hinter dem Eisernen Vorhang zu erreichen und ihre Herzen mit dem Wort Gottes zu trösten. Im Jahr 1980 mobilisierte er 30 Mitglieder, die sich bereit erklärten in den Untergrund zu gehen, osteuropäische Sprachen zu studieren und als Pioniere auf kommunistischem Boden zu missionieren. Ihre zahlreichen Erfahrungen können in der Zeugnissammlung Mission Butterfly – Pioneers Behind the Iron Curtain (2006) nachgelesen werden.

 

Weitere ideelle Initiativen, die von Mitgliedern und Sympathisanten der Vereinigungskirche ehrenamtlich geleitet wurden, umfassten

  • die politisch aktive Studentenbewegung Neue Mitte (1971-1983),
  • den Verlag Edition Neue Mitte (ab 1976-1983),
  • das Projekt Kolibri (1981-1989) zur ideologischen Überwindung des Kommunismus,
  • die Menschenrechtsorganisation Forum Ost (1984-1989),
  • das Forum Österreich (1987-1994) – eine akademische Initiative zur geistigen Erneuerung des Landes und Herausgeber der Zeitschrift LOGOS (1992-1994),
  • sowie den österreichischen Zweig der Professors World Peace Academy (PWPA, 1992-1996) – einem Verein zur Förderung der internationalen Kooperation von Akademikern für den Weltfrieden.

Am 1. August 1996 gründeten Sun Myung Moon und seine Ehefrau Hak Ja Han Moon die Familienföderation für Weltfrieden und Vereinigung[2] (FFWPU), die die internationale HGG-VWC formal ablöste. In der Folge wurde 1997 der Verein Österreichische Familienföderation für Weltfrieden in Wien gegründet, mit Sitz in der Seidengasse 28/4 (7. Bezirk). Das Veranstaltungszentrum Seidengasse wird von Mitgliedern der Vereinigungsbewegung seit 30 Jahren betrieben und wird u.a. auch für Gottesdienste, interreligiöse Veranstaltungen, Konzerte und einen Kindergarten genützt.

Rund 40 Jahre nach ihrer behördlichen Auflösung hat die Vereinigungskirche in Österreich laut dem Bescheid des Bundeskanzleramtes – mit Wirksamkeit vom 15. Juni 2015 gemäß § 2 Abs. 1 BekGG – die Rechtspersönlichkeit als staatlich eingetragene religiöse Bekenntnisgemeinschaft erworben. Entsprechend österreichischem Religionsrecht bildet die Vereinigungskirche in Österreich den legalen Dachverband der religiösen Kerngemeinschaft der Vereinigungsbewegung, während die Mitgliedschaft bei der FFWPU weiterhin konfessionell unabhängig bleibt.

Weltweit besitzt die Vereinigungsbewegung nach offiziellen Angaben drei Millionen Mitglieder. In Österreich leben heute rund 700 Mitglieder (Stand: Dezember 2015).

Quellen zur Geschichte der Vereinigungskirche

Bundeskanzleramt Österreich (2015): Staatlich eingetragene religiöse Bekenntnisgemeinschaften, URL: https://www.bka.gv.at/site/3405/default.aspx [Stand: 05.12.2015].

Höfinger, Gertrud (1976), Weisung von Oben, Zur behördlichen Auflösung der VK im Jahr 1974 (Wien). URL:  http://www.vereinigungskirche.at/kirche/weisung_von_oben.htm [Stand: 05.12.2015].

Moon, Sun Myung (2011): Mein Leben für den Weltfrieden. Autobiographie, Stuttgart: Kando-Verlag, (Original: As a Peace-Loving Global Citizen, 2009).

Kwak, Chung Hwan/Segato-Stadler, Christa/Grabner, Barbara (Hg., 2006), Mission Butterfly: Pioneers Behind the Iron Curtain, Bratislava: Family Federation for World Peace.

Wissenschaftliche Sekundärliteratur zur Geschichte der Vereinigungskirche

Kehrer, Günter (Hg., 1981), Das Entstehen einer neuen Religion: das Beispiel der Vereinigungskirche, München: Kösel-Verlag.

Pokorny, Lukas/Simon Steinbeiss (2012), ‘“To Restore This Nation”: The Unification Movement in Austria. Background and Early Years, 1965–1966’, in: Hans Gerald Hödl and Lukas Pokorny (eds), Religion in Austria, Volume 1, Vienna: Praesens Verlag, 161-192.

Pokorny, Lukas/Simon Steinbeiss (2014), ‘Pioneers of the Heavenly Kingdom’: The Austrian Unification Movement, 1966–1969, in: Hans Gerald Hödl and Lukas Pokorny (Hg.), Religion in Austria, Volume 2, Vienna: Praesens Verlag, 181-216.

 

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