Vereinigungskirche

VIII. Die Wiederkunft

wiedekunft

Dr. Young Oon Kim
VEREINIGUNGSTHEOLOGIE
Eine Annäherung

VERSCHIEDENE INTERPRETATIONEN

In Matthäus 24 lesen wir apokalyptische Prophezeiungen vom zweiten Kommen Christi und dem Jüngsten Gericht. Der Glaube an das zweite Kommen geht auf neutestamentliche Zeiten zurück und bildet für viele heutige Christen eine ganz starke Hoffnung. Über Zeit, Ort und Art und Weise des Kommens des Herrn wurde und wird intensiv diskutiert.

Gegenwärtige akademische Standpunkte

Es gibt verschiedene gängige Ansichten über die Wiederkunft. Der Neutestamentler N. Perrin glaubt nicht, dass Jesus selbst die Idee seines zweiten Kommens lehrte. Erst nach Jesu Tod und Auferstehung identifizierten ihn seine Anhänger mit dem übernatürlichen Menschensohn, der kommen soll (Daniel 7,13f). Markus erwartete eine unmittelbare Wiederkehr Jesu (13,29f).Doch die Evangelien des Matthäus und des Lukas, eine Generation später geschrieben, mahnen die Christen, die Wiederkunft nicht in naher Zukunft zu erwarten. Stattdessen lehrt Matthäus, dass Christen sich am weltweiten missionarischen Werk beteiligen sollten (28,18-20). Lukas dämpfte die Begeisterung für Jesu schnelle Rückkehr und betonte, wie die Herabkunft des Heiligen Geistes zu Pfingsten die Apostel auf eine wachsende christliche Bewegung vorbereitet hat. „Denn siehe, das Reich Gottes ist mitten unter euch“ (Lk 17.21). Das vierte Evangelium, nach dem Jahre 90 geschrieben, übergeht die Vorstellung irgendeiner leiblichen Wiederkunft Jesu. In diesem Evangelium ersetzt die Herabkunft des Heiligen Geistes Jesu zweites Kommen. Daher verneint Perrin, dass Jesus in einer irgendwo gearteten Weise zurückkehren werde.1

Nach Ansicht des Harvard-Wissenschaftlers Koester können wir nicht sicher sein, ob Jesus sich selber mit irgendeinem der Titel bezeichnete, mit denen er im neuen Testament beschrieben wird:

Messias, Christus, Menschensohn, Sohn Gottes, Sohn Davids, Herr, Erlöser, Retter oder Logos. All dieses seien nach-österliche Titel. Johannes dem Täufer folgend verkündete Jesus die Nähe des Reiches Gottes, sprach aber von keiner messianischen Gestalt außer von Gott. Jesus lud seine Hörer ein, am Reich Gottes hier und jetzt teilzunehmen. Jedes Gleichnis illustriert den Beginn der Herrschaft Gottes in der Gegenwart. Auch die Seligpreisungen sind im Präsens formuliert. Somit war das Reich Gottes für Jesus bereits hier und jetzt vorhanden, unter und in uns. Koester glaubt ferner, dass Jesu Reich, der Himmel, nur ein inwendiges geistiges Reich Gottes sei; infolgedessen sieht er keinen Bedarf für ein zweites Kommen Jesu.2

Einige populäre Standpunkte

Die meisten stark bibelgläubigen Christen glauben, dass Jesus mit lautem Schall, – angekündigt von der Stimme eines Erzengels – vom Himmel herabsteigen und das Volk Gottes in die Wolken (die Verzückung) entrückt werde, um dem Herrn in der Luft zu begegnen (l Thess 4,17). Zur Zeit Jesu glaubten manche Menschen, die die Worte Daniels lasen, dass der Messias buchstäblich in den Wolken kommen werde: „Immer noch hatte ich die nächtlichen Visionen: Da kam mit den Wolken des Himmels einer wie ein Menschensohn. Er gelangte zu dem Hochbetagten und wurde vor ihn geführt“ (7,13). Da dies manche wörtlich verstanden, konnten sie Jesus nicht als den Messias anerkennen.

Viele Anhänger Jesu glaubten, dass die Art seiner Wiederkunft wie die seines Abschieds sein werde (Apg 1,9-11). Einige Christen zitieren diese Verse, um zu sagen, dass Jesus in derselben Weise vom Himmel kommen werde, wie er ging. Er verließ uns auf einer Wolke und er wird auf einer Wolke zurückkehren. Doch müssen wir uns erinnern, dass Jesu geistiger Auferstehungsleib in den Himmel aufgefahren ist, nicht sein physischer Körper. Im ganzen Neuen-Testament-Zeitalter wirkte Jesus als geistige Wesenheit unter seinen Anhängern. Diese Worte der Apostelgeschichte sind daher keine Prophezeiung im Hinblick auf Jesu zweites Kommen, sondern sie sind durch sein geistiges Wirken erfüllt worden.

Einige Christen berufen sich auf den zweiten Johannesbrief, um ihren Glauben zu stützen, dass Jesus im selben Körper wiederkommen werde. Dort heißt es: „Viele Verführer sind in die Welt hinausgegangen; sie bekennen nicht, dass Jesus Christus im Fleisch gekommen ist. Das ist der Verführer und der Antichrist“ (2 Joh 7). Doch mit dieser Feststellung wollte Johannes die Christen vor dem Gnostizismus warnen, der lehrte, dass das Fleisch böse sei, und dass daher Jesus, der Sohn Gottes, nicht dieselbe Art von Fleisch angenommen habe wie andere Menschen. Johannes nannte die Gnostiker „die Verführer“ und „den Antichristen“, weil sie leugneten, dass Jesus eine historische Gestalt war. Dieser Vers bezieht sich nicht auf eine leibliche Wiederkunft Jesu.

Andere Christen deuten die Passagen über die zweite Ankunft symbolisch. Nach ihrer Sicht symbolisieren Wolken im Alten Testament wiederholt Gottes Gegenwart und Herrlichkeit. Daher bedeute das „Kommen auf den Wolken“ bei Matthäus 25,30f, dass der Herr unter der Menge der wiedergeborenen Gläubigen in Herrlichkeit erscheinen werde. Der Herr wird seine Engel als Boten mit einer lauten Trompete aussenden – das bedeute die Ankündigung göttlicher Wahrheit. Das Reich Gottes werde nicht körperlich, mit äußeren Zeichen, vom Himmel steigen. Zur Zeit der Wiederkunft werden der Herr und seine Anhänger das Reich Gottes aufrichten, das in ihrer Mitte und in ihren Herzen sein werde (Lk 17.20f).

Die Interpretation der Vereinigungskirche

Die Vereinigungskirche interpretiert Mt 24,36 in einer besonderen Weise: „Doch jenen Tag und jene Stunde kennt niemand, auch nicht die Engel im Himmel, nicht einmal der Sohn, sondern nur der Vater.“ Aufgrund dieses Textes sind viele Christen überzeugt, dass die Zeit der Wiederkunft völlig unbekannt sei. Doch, so fragen die Mitglieder der Vereinigungskirche: „Wenn der Vater es weiß, will Er es nicht enthüllen?“ Gott hat Seinen Willen beständig Seinen Kindern offenbart, um sie in Sein Werk einzuschließen. Er enthüllte dem Abraham die kommende Zerstörung von Sodom und Gomorrah. Gott enthüllte dem Samuel, wer der Nachfolger des Königs Saul sein werde. Bis zu Jesu Geburt wusste niemand den Zeitpunkt seiner Geburt. Doch als die Zeit erfüllt war, offenbarte Gott es den weisen Männern aus dem Osten, den Hirten und später Johannes dem Täufer. Es heißt, dass Jesus wie ein Dieb in der Nacht kommen werde – zu denen in der Dunkelheit; doch es ist auch gesagt, dass er nicht wie ein Dieb kommen werde zu solchen, die nicht im Dunkeln sind (1Thess 5.4).

Wenn der Herr wiederkommt, wird Gott die Zeit und sogar den Ort enthüllen, wie Er es bei der Geburt Jesu tat. Viele empfangen heute Offenbarungen und die Versicherung, dass dies tatsächlich die Zeit des zweiten Kommens sei. Gott gibt viele Zeichen, durch die die Menschen wissen können, wie Jesus in Mt 24.32f sagt:

„Lernt etwas aus dem Vergleich mit dem Feigenbaum! Sobald seine Zweige saftig werden und Blätter treiben, wisst ihr, dass der Sommer nahe ist. Genauso sollt ihr erkennen, wenn ihr das alles seht, dass das Ende vor der Tür steht.“

Die große Hoffnung Israels war die Ankunft des Messias, doch eine ebenso wichtige Erwartung war das Kommen des Elia, des Vorläufers des Messias. Nach Jesu Worten war Johannes der Täufer Elia (Mt 10,10-13:11,13-15). Jesus betrachtete Elia und Johannes als eins, da sie die selbe Mission hatten: denn Johannes kam, um Elia nachzufolgen und sein Werk zu vollenden. Die Wiederkunft des Herrn wird sich daher in derselben Weise erfüllen. Gott wird eine andere Person senden, um das unvollendete Werk Jesu zu vollenden. Jesus und der Herr der Wiederkunft werden eins sein in der Durchführung ein und derselben Mission.

Im Alten Testament erkennen wir: Wenn die Mission einer zentralen Person im Verlauf der Wiederherstellung nicht erfüllt wird, erwählt Gott eine andere Person, diese Aufgabe auszuführen. Gott erschuf Adam, dass er die Grundlage des Reiches Gottes auf Erden legen sollte. Als Adam versagte, übertrug Gott diese Sendung auf Abel. Als Moses versagte, war es ihm nicht mehr erlaubt, in das Land der Verheißung einzuziehen. Gott erwählte Josua, Moses Sendung zu vollenden. Daher ist es undenkbar, dass Jesus von Nazareth noch einmal kommen wird.

Gott führt das Werk der Wiederherstellung durch menschliche Wesen aus. Darum wurde Jesus als Mensch geboren, kämpfte als Mensch gegen Satan und starb als Mensch. Jesus konnte jedoch nur die Hälfte seiner Sendung erfüllen, und die leibliche Wiederherstellung der Menschheit blieb unausgeführt. Dies kann nur von einem anderen Menschen unternommen werden. Kein wiederkehrender Geist kann diese Aufgabe erfüllen, also muss ein anderer Mensch zu diesem Zweck geboren werden. Daher wird nach der Lehre Reverend Moons. das zweite Kommen durch eine andere Person verwirklicht werden, die ebenso wie Jesus göttliche Wahrheit inkarniert. Dies wird Gott Sieg und Herrlichkeit bringen.3

„ZEICHEN DER ZEIT“

Hilfe von oben

Die große Mehrheit der Christen hat stets gewusst, dass es eine echte Verbindung zwischen den Wesen in der geistigen Welt und den Menschen auf der Erde gibt. Soweit die Anthropologen feststellen können, ist dieser Glaube an die normale Interaktion zwischen den beiden Dimensionen einer der ältesten Aspekte des menschlichen Glaubens. Solch ein Glaube findet sich im alten Persien, Indien, China, Südamerika, Ägypten und Europa.4 Als Ergebnis der modernen Studien über paranormale Erfahrungen und parapsychologische Forschung hat sich eine wachsende Zahl liberaler Christen diesem Glauben angeschlossen.

Katholiken und östliche Orthodoxe pflegen zu sagen, dass sie zum heiligen Antonius, Franziskus, zur Mutter Jesu um Inspiration, Führung und praktische Hilfe auf ihrer Glaubenspilgerschaft beten. Die „Göttlichen Prinzipien“ lehren uns ebenso, dass wir Menschen auf der Erde große persönliche Hilfe aus der geistigen Welt erfahren können. Das Prinzip der Schöpfung besagt, dass eine menschliche Seele nur in Verbindung mit ihrem physischen Leib in diesem Leben zur Vollendung gelangen kann. Infolgedessen müssen geistige Menschen, die keine Vollendung erreichten, herabsteigen, um mit Menschen zu arbeiten, die eine ähnliche Sendung haben, um ihre Wiederherstellung zu vollenden.

Daher kann man an entscheidenden Punkten der Heilsgeschichte ungewöhnliche parapsychologische Phänomene feststellen. Dies erklärt, warum es im Matthäusevangelium heißt, dass nach dem Tode Jesu viele „Geister“ in Jerusalem gesehen wurden (27.52f). Aus ähnlichem Grund waren die frühen christlichen Versammlungen voll von Gaben des Geistes: des Sprechens in Zungen, der Prophetengabe, der Wunderheilungen, der ekstatischen Trance und der Visionen. An einem bedeutenden Zeitpunkt in Gottes Vorsehung eilen körperlose Geister auf die Erde, um an der Verwirklichung des göttlichen Zieles mitzuarbeiten. Dadurch können sie selbst schnell wachsen.

Fast jeder Beobachter der zeitgenössischen religiösen Szene stellt fest, dass wir Zeugen einer Zeit sind, in der viele Menschen von solchen geistigen Kräften durchdrungen werden. Dieses „Große Erwachen“ des 20. Jahrhunderts ist weit bedeutsamer als der stetige Verfall der alten, etablierten Konfessionen. Religiöses Suchen und persönliche Erfahrungen von Gottes Gegenwart sind verblüffend weit verbreitet. Wir Heutigen suchen Gott ebenso sehr wie die Menschen zu anderen Zeiten. Was uns von der Periode vor 1960 unterscheidet, ist die Tatsache, dass viele Menschen nicht länger in den traditionellen Kirchen und Synagogen nach geistiger Nahrung suchen.

Unsere Zeit scheint jedoch auch von einer Horde böser Geister bedroht zu sein. Wie könnte man sonst die psychischen Krämpfe unserer Zeit erklären? Die zeitgenössische Gesellschaft scheint wahrhaftig von Gewalt, emotionaler Instabilität und sozialer Verzweiflung geplagt zu sein. Die Psychoanalytikerin Karen Horney schreibt von der „Neurotischen Persönlichkeit unserer Zeit“ und stimmt vielfach mit den Theologen überein, dass der moderne Mensch anscheinend an einer ontologischen Angst leidet.

Für die „Göttlichen Prinzipien“ ist die ungewöhnliche psychische Aktivität in dieser Generation ein klares Zeichen dafür, dass die Menschheit in ein neues Zeitalter eintritt. Gerade jetzt erleben wir die Geburtswehen des messianischen Zeitalters. Der Schnee schmilzt, das Eis kracht, der Saft beginnt in die Äste zu steigen, da wir uns der Ankunft eines kosmischen Frühlings nahem.

Moderner Ökumenismus

Ein zweiter Beweis für die Ankunft eines neuen Zeitalters ist die Geburt des ökumenischen Geistes im Religiösen. Ein französischer Jesuit schrieb, dass endlich, nach 19 Jahrhunderten und 21 angeblichen ökumenischen Konzilien, die Christen erkennen, dass Nicht-Christen gültige Begegnungen mit Gott haben. In dieser Morgendämmerung sind kirchliche Ghettos und religiöse Frömmelei ebenso überholt wie Rassismus und Chauvinismus.5

Die moderne ökumenische Bewegung stellt als christliches Phänomen die Verschmelzung von vier unterschiedlichen Tendenzen in den ersten Jahrzehnten dieses Jahrhunderts dar: Die Zusammenarbeit verschiedener protestantischer Missionswerke, um die Evangelisierung der Welt zu erleichtern; das Wachsen des protestantischen Liberalismus, der die Werte des theologischen und konfessionellen Pluralismus anerkannte; anglikanische Bemühungen, eine Brücke zwischen Katholiken und Protestanten zu schlagen; und, nicht weniger wichtig, der Wunsch des ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel, die Zusammenarbeit mit allen Christen in praktischen Fragen zu fördern. Als Ergebnis wurde der Weltkirchenrat ins Leben gerufen und eine allmähliche Zusammenarbeit mit dem Vatikan erreicht. Seit der Versammlung von Amsterdam 1948 haben die meisten wichtigen Konfessionen beschlossen, dass es notwendig sei, sich so oft als möglich in ihrem Zeugnis zu vereinen; Vielleicht hätte Erzbischof Temple recht, als er die ökumenische Bewegung das große neue Ereignis unserer Zeit nannte,

Gleich wichtig ist die stets wachsende Erfahrung der Brüderlichkeit unter Christen und allen Menschen guten Willens in anderen Bekenntnissen. Aufregende Änderungen haben seit dem Zweiten Weltkrieg stattgefunden, zum Beispiel in den Beziehungen zwischen Christen und Juden. Wenige Theologen oder Kirchen Anführer werden heute öffentlich behaupten, dass Juden Christen werden müssten, um erlöst zu werden. In kleinerem Ausmaß gibt es eine ähnliche Bewegung zur Partnerschaft mit Hindus, Muslimen, Buddhisten und anderen Nicht-Christen. Wir sollten die fast unüberwindlichen Hindernisse auf dem Weg eines allumfassenden Glaubens der Menschheit nicht verkennen. Gleichzeitig dürfen wir die drängende Notwendigkeit religiöser Einheit nicht übersehen. Fundamentalistische Protestanten wie ultrakonservative Katholiken und Orthodoxe haben die ökumenische Haltung oft als Verrat an ihrem „einen wahren Glauben“ gebrandmarkt. Die Mitglieder der Vereinigungskirche stimmen denen zu, die religiöse Weitherzigkeit als Gottes Wille für unsere Zeit verkünden. Für die Vereinigungstheologie ist die Bewegung in Richtung religiöser Einheit in der Tat ein deutliches Zeichen dafür, dass ein neues Zeitalter heraufdämmert.

Der Lauf menschlicher Ereignisse

Gott manifestiert Sein Ziel durch Seine machtvollen Handlungen in der heiligen Geschichte, so erklärten es uns die Bibeltheologen noch in jüngster Vergangenheit. Ihr Hauptverdienst bestand darin, dass sie die Heiligen Schriften in Begriffen der Heilsgeschichte interpretierten. Ihre Schwäche liegt, wie Pannenberg sagt, in der Weise, wie sie die „Handlungen Gottes“ auf biblische Zeiten und die Menschen jener Zeiten eingegrenzt haben. Wir sollten auf die ganze Geschichte als Bühne der göttlichen Wirkens und Offenbarung blicken.6 Aus diesem Grund verwendet die Vereinigungstheologie das Muster der biblischen Geschichte, um einen Sinn in den nachbiblischen Zeiten und Weltereignissen zu erkennen.

Wenn wir die Parallelen zwischen unserer Zeit und der biblischen aufdecken, sieht man, wie wir auf der Schwelle der messianischen Erfüllung der Geschichte stehen. Wir befinden uns im Prozess der Ernte alles dessen, was seit der Reformation gesät wurde. Wenn das so ist, dann wiederholen wir die vier Jahrhunderte währende Vorbereitung auf das Kommen Jesu. Wenn die Zeit vom Exil bis zu seiner Geburt unverkennbare Ähnlichkeit mit dem Lauf der menschlichen Ereignisse seit Luther hat, dann nähern wir uns einem neuen dramatischen Moment in Gottes Fügung. Daher hat, wie Koestler beobachtet, der Mensch einen Punkt wichtiger Entscheidung erreicht. Entweder muss er sich selbst radikal erneuern und eine neue soziale Ordnung errichten, die weit höher steht als alles vorher Erlebte – oder er wird sich wahrscheinlich selbst zerstören.7

Nach den „Göttlichen Prinzipien“ bildete der Erste Weltkrieg den Rahmen für Gottes neues und entscheidendes Eintreten in die Geschichte. Spengler hielt diesen Krieg für das erste Zeichen vom unausweichlichen „Untergang des Abendlandes“. Nach der Unterzeichnung des Friedens von Versailles publizierte W.B. Yeats ein Gedicht mit dem Titel „The Second Coming“ (1920). Im Kielwasser des Ersten Weltkrieges lagen vier große Reiche in Ruinen, zwei weitere konnte man mit Krüppeln vergleichen. Als Lenins Kommunisten die Macht in Russland ergriffen, fühlten die Menschen mit Yeats, dass die Dinge aus einander fielen, dass der Geist der Anarchie ausgebrochen war und sich Dunkelheit auf der Welt breit machte.

Für die Vereinigungstheologie markiert der Kampf zwischen Kommunismus und Demokratie den endgültigen Angriff Satans auf Gott. Die meisten Intellektuellen ziehen es vor, den Kommunismus als ein rein ökonomisches und politisches Phänomen zu behandeln. Warum das Problem verwirren, indem man so fern liegende Faktoren wie Gott hineinschmuggelt, würden sie sagen. Aus diesem Grund muss die Haltung der „Göttlichen Prinzipien“ dem Kommunismus gegenüber mit besonderer Sorgfalt dargelegt werden. Vor allem muss die Vereinigungstheologie klar von solchen Formen des Anti-Marxismus unterschieden werden, die auf Bindung an reaktionäre Politik, auf Laissez-faire-Kapitalismus in der Wirtschaft oder auf bürgerlichen Sozialvorstellungen beruhen.

Wie Kain und Abel streiten Demokratie und marxistischer Kollektivismus miteinander um die Vorherrschaft. Dieser Kampf bat ernste spirituelle Bedeutung. Bis vor kurzem waren sich die meisten Christen einig, dass der Marxismus in totalem Widersprach zum biblischem Glauben steht. Papst Pius XI. erklärte, dass der Kommunismus in sich schlecht sei und dass keiner, der die christliche Kultur retten will, mit Marxisten in irgendeiner Weise zusammenarbeiten sollte.8 Auf seinen Versammlungen in Amsterdam und Evanston klagte der Weltkirchenrat das Sowjetsystem und eine Ideologie sehr entschieden an:

a) Marxisten leugnen Gott und Seine Souveränität über alle menschliche Geschichte.

b) Der Marxismus nimmt närrischerweise an, dass eine Klasse, das Proletariat, frei von Sünde sei,

c) Der marxistische Materialismus und Determinismus ist mit dem christlichen Bild vom Menschen als freier, verantwortlicher Person, die nach Gottes Bild geschaffen ist, unvereinbar.

d) Marx irrte, als er behauptete, dass eine vollkommene Gesellschaft bloß durch die Änderung unseres ökonomischen Systems errichtet werden könne.

e) Der totalitäre Marxismus besteht darauf, dass alle Menschen vorbehaltlose Treue zur kommunistischen Partei versprechen. Damit verneinen sie die höchste Autorität Gottes.9

Wie andere Christen würden auch die Mitglieder der Vereinigungskirche diese Feststellungen des Weltkirchenrates akzeptieren. Darüber hinaus zeigt die Vereinigungstheologie andere Grundmängel in der marxistischen Position auf:

Erstens: Eine realistische Ontotogie (Seinslehre) darf nicht auf dem dialektischen Prinzip des unvermeidlichen Widerspruchs, sondern vielmehr auf dem der kreativen Polarität aufgebaut sein. Zweitens: Die zentrale Person, die den nächsten Sprung vorwärts zum Fortschritt des Menschen auslöst, wird kein politischer Revolutionär und kein ökonomischer Reformer, sondern ein auf Gott ausgerichteter Anführer sein, der eine wahre, auf Gott ausgerichtete Familie als Basis für die Gestaltung einer besseren Welt errichtet.10

NOTWENDIGE FÜHRERSCHAFT

Nach den „Göttlichen Prinzipien“ wird derjenige, der die Aufgabe des Herrn der Wiederkunft weiterführen wird, ein Mensch wie Jesus sein. Moderne Menschen können nicht glauben, dass der Herr buchstäblich auf den Wolken komme. Diese Art von Glauben war auf den Kanzeln vieler Konfessionen schon seit mindestens einem Jahrhundert nicht mehr zu hören. Wenige Theologen kümmern sich noch um die Diskussion so verschrobener Gedanken, und noch weniger würden ihre Zeit damit verschwenden, solche zu verteidigen. Römische Katholiken wurden von den Theologen des zweiten Vatikanischen Konzils dahingehend beraten, dass der Glaube an die körperliche Wiederkehr Jesu von einem Gläubigen nicht gefordert ist.11

Doch die meisten Christen, die die überholte Vorstellung einer zweiten physischen Ankunft Jesu fallen lassen, neigen dazu, die Bedeutung der Reichserwartung zu verkennen. Liberale Christen ersetzen zum Beispiel die Hoffnung auf das Kommen Christi durch den Glauben an die immerwährende geistige Gegenwart Christi. Sie glauben, dass Christus immer bei uns sei und die Menschen guten Willens führt und inspiriert; er wirkt in und durch seinen neuen Leib, die Kirche. Christus ist insbesondere gegenwärtig, wenn die Eucharistie gefeiert wird, erklären Kirchenmänner, die sich an den Sakramenten orientierten. Evangelikale Protestanten bestehen darauf, dass Christus stets an die Tür des menschlichen Herzens klopft, denn er möchte für immer in der wiedergeborenen Seele des einzelnen Gläubigen wohnen.

Ferner gibt es die verbreitete Ansicht, dass das Reich Gottes niemals in der Geschichte verwirklicht werden könne. Obwohl Reinhold Niebuhrs Theologie nach eigenem Geständnis auf der Enttäuschung über die zahlreichen utopischen Entwürfe des 19. und 20. Jahrhunderts errichtet worden war, argumentierte er mit Überzeugungskraft, dass das Reich Gottes ein transzendentes Ziel jenseits der irdischen Verwirklichung sei.12

Doch die Christen des „Sozialen Evangeliums“ vor dem Ersten Weltkrieg sowie die Befreiungstheologen nach dem Zweiten Weltkrieg bekräftigten den Glauben, dass Gottes Reich hier und jetzt verwirklicht werden kann. Was wir tun müssen, ist lediglich, die Lehren Jesu auf das politische und ökonomische Leben unserer Zeit anzuwenden. Dies erübrigt in einer subtilen Weise einen Messias.

Von daher verstehen Befreiungstheologen, wie fruchtbar der christliche Dialog mit Marxisten sein könnte, weil beide von der blutigen, zehrenden Krise des jetzigen Zustandes tief betroffen und beide für eine kommende Utopie engagiert sind. Was Christen das Reich Gottes nennen, beschreiben Marxisten als die klassenlose Gesellschaft. Solche Theologen erkennen, dass sowohl Christen wie Marxisten glühende Vertreter des „Prinzips Hoffnung sind. Sie anerkennen auch die diesseitigen Implikationen des apokalyptischen Glaubens.

Doch die Kommunisten erkennen viel mehr als die revolutionären Christen die entscheidende Bedeutung einer Zentralperson, die das Neue Zeitalter einleitet. Wir können das messianische Zeitalter nicht ohne einen von Gott gesalbten Messias schaffen, einen, der von der Wahrheit erleuchtet ist, einen inspirierten Anführer, erfüllt von einer göttlichen Vision der idealen Welt. Daher muss der Messias drei wesentliche Qualifikationen haben: Erstens muss er von Gott für seine spezifische Aufgabe eingesetzt sein; zweitens muss er eine reine Inkarnation sein, göttliches Wesen, Wahrheit und Liebe verkörpern; drittens muss er geeignet sein, die kosmische Wiederherstellung in Gang zu setzen, indem er volle historische Wiedergutmachung leistet. So würde seine Leistung von Satan anerkannt und sein Sieg von Gott besiegelt werden.

WO WIRD ER KOMMEN?

Es wurde dargelegt, wie Vereinigungsdenken und andere zeitgenössische Trends im christlichen Denken konvergieren. Der nächste Schritt muss nun recht erstaunlich anmuten. Die „Göttlichen Prinzipien“ legen nahe, dass das erwählte Instrument Gottes, das das Neue Zeitalter einleitet, in Korea erschienen ist.

Um diese Seite des Vereinigungsdenkens zu verstehen, mag es hilfreich sein, sich an gewisse biblische Lehren zu erinnern. Zunächst ist Gott der Schöpfer aller Menschen, so dass keine Nation automatisch unwürdig wäre, von Ihm erwählt zu werden. Sodann haben sich seit den Zeiten des heiligen Paulus die Christen im allgemeinen dagegen gewehrt, Gottes auserwähltes Volk auf die Juden einzuschränken. Drittens gestehen einige Theologen, dass Gott wegen Seiner Souveränität frei ist, zu tun, was Ihm gefällt, um Seinen Willen zu verwirklichen. Besonders Barth hält diese Freiheit hoch. All diese fundamentalen jüdisch-christlichen Positionen zeigen, dass es für Gott nicht schlechterdings unmöglich wäre. Korea zu erwählen.

Wenn Gott frei ist zu wählen, wen Er als die Zentralperson für das kommende Zeitalter wünscht, finden wir irgendwelche Anhaltspunkte für Seine mögliche Wahl? Viele Jahrhunderte lang bewegte sich die Kultur westwärts: Die alten Reiche des Nahen Ostens wurden vom römischen Imperium ersetzt. Dieses wiederum wurde von den großen Mächten des westlichen Europa abgelöst, was dann zu der jetzigen dominierenden Stellung der Vereinigten Staaten geführt hat. Wenn dieser kulturelle Fluss weiterfließt, liegt der nächste Brennpunkt vermutlich irgendwo in Ostasien. Solche eine Vermutung scheint ganz vernünftig. Beobachter politischer Entwicklungen sagen heute oft voraus, dass Japan oder China die Angelegenheiten der Welt künftig ebenso beherrschen werde, wie es die Vereinigten Staaten seit 1917 taten. Doch die Vereinigungstheologie verweist darauf, dass weder China noch Japan die notwendige spirituelle Grundlage haben, ein neues Israel zu werden. Wenn Gott eine solide Basis für ein neues auserwähltes Volk braucht, dann kann eine solche Qualifikation unter den ostasiatischen Völkern nur in Korea gefunden werden.

Wie gleicht Korea dann dem alten Israel, welches Gott in einmaliger Weise diente? Wie die biblischen Hebräer hat Korea die Rolle des Leidensknechtes übernommen. Weil beide Länder an geographischen Kreuzungspunkten gelegen sind, haben sie gleichermaßen unter ausländischen Aggressoren gelitten. Der koreanische Charakter wurde auf diese Weise oft geprüft und im Feuer fremder Eroberungen und Verfolgungen geläutert. Infolgedessen gleichen die Koreaner in hohem Maße den biblischen Juden in der Tiefe ihrer nationalen Frömmigkeit und ihrem unbeugsamen Überlebenswillen. Ohne den unbesiegbaren Glauben an sich selbst und an unerschütterliche geistige Grundlagen wären die Koreaner vor langer Zeit eines der zahlreichen untergegangenen Völker der Geschichte geworden. Wie oft haben die Koreaner das Gewicht ihres Kreuzes gespürt!

In der Tat gibt es viele Ähnlichkeiten zwischen dem Geist der koreanischen Nation, wie er in der von Abt Ilyon dargestellten klassischen Geschichte geschildert wird 13, und der hebräischen Geschichte, wie sie von den biblischen Annalenschreibern und Chronisten festgehalten wurde. Wie die biblischen Historiker trug Ilyon die alten Volkssagen seines Landes zusammen und ergänzte sie durch denkwürdige Geschichten über seine Könige, Heiligen und Helden. Wie jene interpretierte er die Vergangenheit seiner Nation aus einer religiösen Perspektive und betonte die übernatürlichen Wunder früherer Zeiten. Wie dem Jahwisten und den deuteronomistischen Geschichtsschreibern galt ihm die Frömmigkeit der Nation als der wichtigste Zug ihres Lebens. Nach Ilyons Meinung sollte die koreanische Geschichte deshalb in Erinnerung gerufen werden, weil sie die ständige Wechselwirkung von heiliger und weltlicher Geschichte enthüllt – wirklich eine „Heils-Geschichte“, die derjenigen in der Heiligen Schrift ähnelt.

Darüber hinaus haben Schriftausleger wie Philo, Origines und Augustinus die mystische Bedeutung gewisser Zahlen in der biblischen Geschichtstheologie bemerkt.14 Von besonderer Bedeutung ist die Zahl 40, wie die „Göttlichen Prinzipien“ darlegen: Der Regen, der die Sintflut zu Noahs Zeit verursachte, dauerte 40 Tage; die Hebräer verbrachten 40 Jahre in der Wüste; die babylonische Gefangenschaft dauerte 40 Jahre; Jesus verweilte 40 Tage in der Wildnis und überwand die Versuchungen Satans. Vierzig hat also etwas mit dem biblischen Plan der Heilsgeschichte zu tun. Für die „Göttlichen Prinzipien“ bezeichnen sie eine Periode der Wiedergutmachung als Vorbereitung auf eine große Sendung oder eine göttliche Segnung. Es ist kein bloßer Zufall, dass Korea etwa 40 Jahre unter der japanischen Unterdrückung gelitten hat – als eine geistige Vorbereitung in moderner Zeit. Wenn Christen wirklich glauben, dass die Bibel Gottes Erlösungswirken erhellt, dann sollte uns diese merkwürdige Parallele zwischen dem alten Israel und dem modernen Korea zu denken geben. Korea kann in unserer Zeit „Licht für die Heiden“ bieten.

Im Jahre 1905 unterzeichneten der Marquis Ito von Japan und Wanyong Lee, der pro-japanische koreanische Bildungsminister, den Eulsa-Vertrag, der Korea seiner Souveränität beraubte und zu einem japanischen Protektorat machte. 1910 annektierte Japan Korea mit Gewalt. Die Königin Min wurde ermordet und alle prominenten Patrioten wurden gefangengenommen oder getötet; doch die Koreaner fügten sich niemals in den Verlust ihrer hergebrachten politischen Freiheiten. Im März 1919 rief im Pagoda Park in Seoul eine Gruppe bekannter Koreaner öffentlich zur Unabhängigkeit von Japan auf, doch diese nationale Befreiungsbewegung wurde von den militärischen Besatzungsbehörden brutal niedergeschlagen. Viele koreanische Freiheitskämpfer flohen in die Mandschurei, wo sie weiter für die Unabhängigkeit agitierten. Um diese populäre Untergrundbewegung innerhalb des Landes und den Einfluss der Flüchtlinge im Ausland zu vernichten, installierten die Japaner ein Regime des Terrors und der repressiven Kolonialpolitik, das bis zur Niederlage Japans im Zweiten Weltkrieg dauerte.15

Obwohl prominente buddhistische Anführer und Sprecher der heimischen Chondokio-Religion16 die Unabhängigkeitsbewegung von 1919 unterstützten, mussten oft Christen die Hauptlast der japanischen Verfolgung ertragen, weil Missionare die Möglichkeit hatten, die koreanische Sache in Amerika und England publik zu machen. Daher ist es nicht übertrieben, wenn man die 40 Jahre koreanischer Christenverfolgung (1905-1945) mit den 400 Jahren der hebräischen Sklaverei in Ägypten oder den 400 Jahren sporadischer Christenverfolgungen durch das heidnische Rom vergleicht. In dieser Hinsicht kann Korea sicherlich „das dritte Israel“ genannt werden.

Nach den „Göttlichen Prinzipien“ muss derjenige, der den Zweck von Gottes Erlösung in unserer Zeit verwirklichen soll, auf der Frontlinie zwischen den Kräften Gottes und der bewaffneten Macht Seiner satanischen Widersacher stehen. Wiederholt war Israel mit Gottes Feinden konfrontiert: mit Ägypten, Assyrien, Babylon und der griechisch-römischen Welt. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurde Korea im Zuge der Auseinandersetzungen zwischen der kommunistischen Tyrannei und den Verteidigern der Demokratie ähnlich tragisch geteilt. Von daher verstehen die „Göttlichen Prinzipien“ Korea als ein Opfer auf dem göttlichen Altar der universalen Wiederherstellung.

Solch eine Vorstellung mag für Nicht-Koreaner nur sehr schwer nachvollziehbar sein. Wie kann man nur Gottes Erlösungswirken so willkürlich lokalisieren? Was macht in Gottes Augen Korea wertvoller als andere Opfer marxistischer Tyrannei wie China, Tibet, Deutschland, Ungarn, Vietnam, Kambodscha oder Afghanistan?

Zwei Erläuterungen sollten auf solche Fragen gegeben werden. Erstens: Die »Göttlichen Prinzipien“ verbreiten nicht die Idee einer überlegenen Nation oder einer Herrenrasse. Alle Menschen sind in Gottes Augen gleich, weil sie alle geschaffen sind, Seine Kinder zu sein. Daher nehmen Korea heute und Israel damals keine innerlich höhere Stellung ein. Das alte Israel und das moderne Korea sind nur funktional erwählt. Sie sind erhöht oder unter den anderen erwählt, um der ganzen Menschheit zu dienen.

Zweitens unterscheidet sich das Konzept der auserwählten Nation in den »Göttlichen Prinzipien“ sehr stark von den üblichen Spielarten des Nationalismus. Gewöhnlich widmen Nationalisten ihrem Land höchste und fraglose Loyalität, im Guten oder Schlechten. Doch alle Nationen, selbst die auserwählten, müssen der höheren Souveränität Gottes unterworfen bleiben. Nirgends wird Korea ein göttliches Recht zugesprochen, die Welt in einem politischen, ökonomischen oder kulturellen Sinn zu beherrschen.

Um eine besondere Mission in Gottes Plan der universalen Wiederherstellung auszuführen, muss eine Nation einen Opfergang gehen, der von Blut, Schweiß und Tränen geprägt ist. Das heißt, eine auserwählte Nation muss das kummervolle Herz Gottes entdecken, wie Israel es tat. Gott hat tief gelitten. Sein Herz ist durch den Eigensinn Seiner Kinder gebrochen. Daher muss jede Nation, die Ihm dienen will, erkennen, dass der Kampf gegen Satan unvermeidlich auf einen geschichtlichen Weg unsagbaren Elends führt. Nur indem sie den Pfad des Leidens gehen, wie Gott selbst, können Menschen das elterliche Herz Gottes verstehen und sich so vorbereiten. Sein besonderes Instrument zu werden.

Wie, so fragen die „Göttlichen Prinzipien“, können wir erwarten, stets von Glück verwöhnt zu werden, wenn es unser Ziel ist, Gottes schmerzendes Herz offenbar zu machen? Wie kann eine Nation des Überflusses, des Luxus und der Selbstgefälligkeit sich bewusst werden, was es heißt, der Schöpfer einer undankbaren und rebellischen Welt zu sein?

Doch Leiden an sich ist nicht notwendigerweise verdienstlich. Ständige Niederlagen brechen nur den Willen einer Nation und führen zu Verzweiflung. Wie die biblischen Hebräer haben die Koreaner viele Invasionen von Angreifern erlitten, aber aufgrund ihres unbezwinglichen religiösen Glaubens überlebt. Im Geist Hiobs haben sie trotz überwältigender Schicksalsschläge an Gottes wesenhafter Gerechtigkeit und Güte festgehalten.

Die grundlegenden Charakterzüge von Koreas 4320 Jahre alter Frömmigkeit könnten von unschätzbarem Wert werden, wenn Gott beschlösse. Korea zum Werkzeug Seiner Vorsehung zu berufen. Niemals konnten sich die Koreaner damit begnügen, ihren Glauben auf eine animistische Anschauung von einer in der Natur manifestierten Gottheit zu beschränken. Von Anfang an haben die Koreaner Wert auf die Wichtigkeit der geistigen Welt für das praktische Wohlergehen des Menschen gelegt. Daher war es für sie leicht, die ethischen Lehren des Konfuzianismus zu würdigen, weil sie bereits edle menschliche Eigenschaften wie Treue, kindliche Pietät. Gerechtigkeit hoch schätzten. Doch gleichzeitig waren sich die alten Koreaner ihrer geistigen Verpflichtungen gegenüber dem transzendenten Gott bewusst. Daher wurden buddhistische Missionare mit Freuden aufgenommen, als sie den Wert von Meditation. Ruhe und Heiterkeit lehrten. Schamanischer Theismus, konfuzianische Sozialethik und buddhistische Spiritualität lieferten gemeinsam den fruchtbaren Boden für die Saat des Evangeliums im letzten Jahrhundert. Daher haben viele evangelische und katholische Missionare die Koreaner wegen ihres warmen, glühenden Christentums hoch gelobt.

Zusätzlich zu diesen bekannten Stärken des koreanischen Charakters erinnern uns die „Göttlichen Prinzipien“ daran, dass medial begabte Koreaner wiederholt Botschaften von oben empfingen, dass ihre Nation eine einzigartige Rolle in der Verwirklichung von Gottes Plänen für die Menschheit spielen solle. Durch all seine bitteren politischen Wehen hindurch hat das koreanische Volk Trost in messianischen Hoffnungen gefunden. Für die Vereinigungsbewegung war es also ganz natürlich, in einer Nation zu entstehen, die so gründlich auf ihre Lehren vorbereitet war!

DIE ENDGÜLTIGE HEIMKEHR

Theologie universaler Erlösung

In einem seiner Briefe beschreibt Augustinus den Gläubigen als Bürger eines anderen Reiches, in dem die Wahrheit König, die Liebe Gesetz und die Ewigkeit das Zeitmaß sei.18 Was wird geschehen, wenn die himmlische Stadt einmal fest gebaut ist? Viele Christen glauben, wenn Gottes Herrschaft über die Schöpfung einmal gesichert ist, werden sich die Heiligen immerwährender Seligkeit des Himmels erfreuen, und die Sünder werden ewige Verdammnis im Feuer der Hölle erleiden. Andere Christen vertreten eine ganz andere Sicht vom Ende. Ihnen erscheint die Aussicht auf eine ewige Hölle sowohl unmoralisch als auch unglaubwürdig. Wie Berdjajew ausführt, bedeutet der Glaube an eine ewige Hölle, dem Satan den endgültigen Sieg zuzugestehen und zu bekennen, dass Gott einsehen muss, dass es unmöglich ist, jemals die Liebe Seiner irrenden Kinder zu gewinnen.19

Doch worin besteht die Alternative zum Himmel für die Guten und zur Verdammung für die Bösen? Eine wachsende Zahl von Theologen würde sagen, dass die christliche Hoffnung logischerweise eine Lehre von der universalen Rettung erfordert. Wenn wir glauben, dass Gottes Liebe allmächtig ist, müssen wir die Notwendigkeit einer universalen Versöhnung zwischen Gott und der Menschheit bejahen. Früher oder später werden die Menschen ins Haus ihres ewigen Vaters mit den vielen Wohnungen zurückkehren. Gott kann niemals vollkommen glücklich sein, solange er nicht die Wiederherstellung von allem genießt, was jetzt vom Stolz gebrochen und von der Wollust entstellt ist. Die letzte Herrschaft des Gottes des Herzens zu bejahen, schließt den unwiderstehlichen Triumph Seiner Liebe über jedes Hindernis ein, das Menschen ihr in den Weg gelegt haben. Seit der Zeit des Origines von Alexandrien wurde dieser Glaube in der Fachsprache die Lehre von der Apokatastasis genannt.20

Warum ließ der große Theologe Schleiermacher den alten Glauben an die ewige Hölle zugunsten des Glaubens fallen, dass es durch Gottes Erlösungskraft eines Tages eine universale Wiederherstellung aller Seelen geben werde?21

Erstens: Die Universalisten appellieren an Gottes unwiderstehliche Liebe. Wenn Gott Liebe Ist, dann muss Seine Liebe zu Seinen Kinder unbesiegbar sein. Warum sollten wir Gottes Erbarmen gering schätzen? Ist die göttliche Liebe nicht ohne Grenzen und unausschöpflich? Nach dem neutestamentlichen Theologen Ethelbert Stauffer ist Gottes unwiderstehlicher Gnadenwille dazu bestimmt, auch die hartnäckigsten Widerstände zu überwinden.22

Berdjajews Darlegung der universalen Versöhnung mit Gott ist von seinem Glauben an Gottes letzten Sieg hergeleitet. Zu viele Christen glauben mehr an die Macht des Teufels als an die Macht Gottes. Wenn wir wirklich Christen sind, müssen wir glauben, dass die Hölle durch Christus verschwinden wird. Das letzte Wort darf nicht dem Satan, es muß Gott gehören. Die Hölle wird in den unsagbaren, unausdrückbaren Tiefen der Gottheit verschwinden.23

Bischof Robinson beweist die Apokatastasis auf die gleiche Art. Liebe ist eine Notwendigkeit der göttlichen Natur. Gott kann nicht mit irgendetwas Geringerem als dem totalen Sieg zufrieden sein. Da Sein Wille zur Herrschaft unerschöpflich ist, muss sich jeder Sünder letztlich Seiner Liebe beugen. Eine ewige Hölle wäre daher eine Verhöhnung von Gottes Wesensnatur. Wohl sind die Menschen frei, doch dies bedeutet nicht, dass sie für immer Gottes Liebesanruf ablehnen werden. Jeder verlorene Sohn wird zuletzt heimfinden.24

Ein zweiter Beweis für die universale Wiederversöhnung liegt im wesenhaften Wert jeder Person. Wie einige Universalisten ihren Glauben auf die Güte Gottes stützen, glauben andere an das universale Heil aufgrund der fundamentalen Gutheit des Menschen. Wenn Gott zu gut ist, irgendjemand in die Hölle zu werfen, dann ist der Mensch auch zu gut, für immer verdammt zu werden. Der Dichter Tennyson schreibt, dass Gott nicht irgendjemand, den er geschaffen habe, nach Vollendung Seines Werkes auf den Abfallhaufen stoßen werde.25 Fast alle liberalen Christen des 19. Jahrhunderts teilten diese Auffassung. Sie lehnten die traditionelle biblische Lehre von der ewigen Verdammnis ab, weil sie von dem unendlichen Wert einer jeden menschlichen Seele überzeugt waren. Sowohl Unitarier wie Universalisten gewannen Tausende von früheren Calvinisten für ihre Kirchen, weil sie ein vernünftiges Christentum vertraten, das die Vollkommenheit Gottes und die Vervollkommnungsfähigkeit des Menschen bejahte. Der Mensch ist fundamental gut erschaffen; wenn er in der Verwirklichung seiner wahren Natur versagt, sind diese Charakterschwächen oft auf physische, biologische, soziale und historische Kräfte jenseits seiner Kontrolle zurückzuführen.26

Eine Folgeerscheinung hiervon wäre, die Solidarität der Menschheit anzuerkennen. Wir alle sind Glieder eines einzigen Leibes, um Paulus zu zitieren (Eph 4,25). Kann das Auge tätig sein ohne Hand? Kann das Gehirn ohne das Herz überleben? Da alle menschlichen Wesen zwar verschieden, aber interdependente Glieder eines einzigen Sozialkörpers sind, bleiben unsere Schicksale unauflöslich aufeinander bezogen. Wie könnte irgendjemand, so fragt Berdjajew, glücklich sein, so er wüsste, dass die meisten seiner Mitmenschen zu immerwährender Folter verdammt sind? Wie können fromme katholische Theologen so leicht die Verdammung des Aristoteles hinnehmen, einfach weil er ein Heide war, obwohl so viel in ihrer eigenen Theologie von der Weisheit des Aristoteles abhängt? Wie kann irgendein anständiger Christ bequem neben jemand sitzen, von dem er weiß, dass er für immer in der Hölle brennen wird?27

Zwei der größten biblischen Gestalten setzten die Wichtigkeit der menschlichen Solidarität in ihren Aussagen um. Moses erklärte Gott, wenn Er Israel nicht die Sünden vergeben wolle, dann wolle auch er, Moses, seinen Namen aus dem Buch des Lebens gestrichen haben (Ex 32,31f). Ähnlich drückte Paulus das brennende Verlangen aus, in Gottes Augen verflucht zu sein, wenn seine Verdammung zur Rettung des jüdischen Volkes führen würde (Rom 9,3). Daher gibt es einen impliziten Glauben an die Apokatastasis in der paulinischen Erlösungstheologie; denn wenn in Adam alle sterben, werden in Christus alle lebendig gemacht (l Kor 15.22). Da wir als Glieder eines Leibes leben, können wir nicht wirklich gerettet werden, es sei denn als alles einschließende Gemeinschaft. Wenn wir uns nach der höchsten Freude der Einheit mit Gott sehnen, sollten wir uns dessen bewusst sein, dass unsere Seligkeit unvollständig ist, wenn unsere Mitmenschen nicht unser Glück teilen.

Haupteinwände

Welches sind die Haupteinwände gegen die weitgespannte Hoffnung auf universale Versöhnung? Einmal scheint das Neue Testament zu lehren, dass das messianische Zeitalter immerwährende Seligkeit für einige und ewige Verdammnis für andere bringe.

Beim letzten Gericht wird die Spreu vom Weizen geschieden und in die Flammen geworfen werden. Im Gleichnis vom armen Lazarus und dem reichen Prasser schildert Jesus eine große Kluft zwischen dem Geretteten und dem Verlorenen (Lk 16,19-31). Ebenso warnt er vor einer unvergebbaren Sünde gegen den Heiligen Geist. Diese und andere Texte zeigen, dass Jesus mit den Pharisäern über die ewige Verdammnis übereinstimmte.

Schleiermacher und andere führen jedoch aus, dass das Neue Testament Andeutungen von einer universalen Rettung enthält. Neuere katholische Theologen (so Hans Urs von Balthasar und Karl Rahner) betonen daher, dass wir das Recht hätten, zwischen der Vorstellung einer ewigen Strafe und der universalen Wiederherstellung zu wählen, da beide Unterstützung in der Schrift fänden.28 Auch Barth betont, die Kirche könne weder die Lehre, dass alle Menschen gerettet werden müssen, noch die andere, dass die menschliche Bosheit zu stark für die Überwindung durch Gottes Gnade sei, biblisch begründen.29 Schleiermacher geht einen Schritt weiter. Obwohl er beide Elemente im Neuen Testament anerkennt, gibt er der Apokatastasis-Hoffnung den Vorzug. Auch wenn Jesus die konventionelle Sprache von der Feuerhölle benutzte, machte er sie nicht zu einem wesentlichen Teil seiner Lehre. Er verwandte lediglich diese symbolische Sprache, um die Gedanken seiner Hörer zu erheben und zu reinigen. Das heißt, er trug ein Gleichnis von der Verdammnis vor, um die Notwendigkeit liebevoller Handlungen in diesem Leben zu betonen.30

Doch würde der Glaube an eine allgemeine Wiederherstellung nicht in unheilvoller Weise die Moralität schwächen? Warum sollten wir danach streben, gut zu sein, wenn Gott uns auf jeden Fall retten wird? Dies ist der zweite und geläufigste Einwand gegen universale Erlösung. Doch diese Befürchtung übersieht die Hauptbotschaft des Evangeliums. Orthodoxe Protestanten leugnen, dass wir gerettet werden, weil wir gut seien. Christus kommt nicht die Gerechten, sondern die Sünder zu retten. Wir werden trotz unserer Sünden gerettet. Also bedienen sich orthodoxe Christen keiner moralischen Norm, um zu entscheiden, wer gerettet wird. In diesem Punkt verlassen sich weder Orthodoxe noch Universalisten auf einen legalistischen oder moralischen Frömmigkeitsbegriff. Christus kommt, um die Sünden aller Welt hinwegzunehmen (l Joh 2,2). weil Gott alle Menschen gerettet haben will (l Tim 2,4) und nicht wünscht, dass irgendjemand verloren gehe (2 Petr 3,9).

Außerdem übersieht diese Art der Frage die höchste Motivation für Gutsein. Rettung ist nicht bloß eine Belohnung für Gutsein. Vielmehr ist Gutsein der natürliche Ausdruck der Liebe zu Gott und dem Nächsten. Tatsächlich regt der Glaube an universale Rettung das moralische Leben an, weil wir an einen allliebenden Gott und an den unendlichen Wert jeder Person glauben. Liegt darin keine stärkere Motivation für gute Handlungen als in dem Glauben, dass die meisten Menschen zu wertlos sind, um gerettet zu werden?

Eine verbreitete jüdische Ansicht, die ins Christentum übertragen wurde, zeigt Gott als einen strengen Richter, der alle Handlungen eines menschlichen Lebens prüft, die guten Taten addiert und die bösen abzieht, um zu sehen, ob jemand Himmel oder Hölle verdient. Doch keine Hauptströmung christlichen Glaubens würde mit einer solchen Beurteilung allein aufgrund der Taten übereinstimmen. Schon Paulus hat es abgelehnt, sich auf so eine „Werkgerechtigkeit“ zu verlassen. Katholiken fanden einen Ausweg, indem sie dem Gläubigen zusätzliche Hilfe aus dem Schatz der Verdienste der Heiligen anboten. Lutheraner lehrten, dass das Heil als ein unverdientes Geschenk komme. Der Calvinismus ging sogar so weit, dass die Art der Lebensführung mit der endgültigen Bestimmung des Menschen nichts zu tun habe, da Gottes Entschluss über das Schicksal des Menschen schon vor Erschaffung der Welt gefasst war.

Zugleich betonen Kritiker der Apokatastasis-Lehre mit Recht die Notwendigkeit. Gottes Barmherzigkeit mit Seiner Gerechtigkeit in Einklang zu bringen. Das Neue Testament mahnt stets, dass jeder berufen ist, sich für Christus zu entscheiden oder schreckliche Konsequenzen in Kauf zu nehmen. Wenn ein Mensch das Licht zurückweist, wird er in der Finsternis bleiben. Gott braucht ihn nicht zu richten, denn er richtet sich selbst, wenn er Gottes ausgestreckte Hand zurückweist. Brunner betont deshalb, die menschliche Verantwortung ernst zu nehmen, bedeute zu erkennen, dass wir unser Leben vor dem göttlichen Richter verantworten müssen.31

Auch Origenes anerkannte diese Tatsache. Er betrachtete unser Leben als eine Schule, in der alle Menschen gelehrt werden, ihre Möglichkeiten als Gottes Kindes zu verwirklichen. Wenn sie darin versagten, sich angemessen darin zu üben, bevor sie sterben, müssten sie ihre Selbsterziehung im Jenseits fortsetzen. Sogar Satan werde früher oder später die Verrücktheit seines rebellischen Verhaltens erkennen und mit Gott versöhnt werden.32 Origines fühlte, wie viel Freude es Gott bringen wird, wenn jedes verlorene Schaf zur Herde zurückgekehrt sein wird.

Für Origines ist universale Wiederherstellung ein Prozess, der nicht auf das Leben allein begrenzt ist. Wir sollten in diesem Leben möglichst alles beiseite lassen, was die Wiedervereinigung mit dem Vater behindert. Doch auch im jenseitigen Leben besteht die Gelegenheit zu weiterer Entwicklung.

Viele Lehren vom letzten Gericht beruhen auf einer Vorstellung von Gerechtigkeit, in der Strafe eine Rolle spielt. Die Menschen werden in die Hölle geworfen, um für ihre Boshaftigkeit zu leiden. Der Blick des Origines richtet sich auf den reinigenden oder erlösenden Aspekt der Strafe. Wenn Menschen zu Gefängnis verurteilt werden, ist es, um sie in Ordnung zu bringen. So sind für Origines die zeitlichen Strafen des Jenseits von Gott dazu bestimmt, die Menschen zu reinigen, dass sie fähig werden für die kommende Herrlichkeit. Sein Glaube an universale Wiederversöhnung verbindet die Warnungen des Neuen Testamentes mit dem Glauben an Gottes letzten und totalen Sieg.

Die Sicht der Vereinigungskirche

Als nächstes wollen wir betrachten, wie nach dem Vereinigungsdenken die universale Erlösung bewerkstelligt wird. Die „Göttlichen Prinzipien“ verwenden das Schema eines Dreischrittes der Heilsgeschichte, gleich manchen christlichen Interpretationen von Gottes Programm einer Welterneuerung. Da ist zunächst das altestamentliche Zeitalter, das mit dem Fall Adams beginnt und mit der Geburt Jesu Christi schließt. Sodann gibt es das neutestamentliche Zeitalter, in dem die Christen Gott als zentrale Helfer für die Erfüllung seiner Vorsehung dienten. In Anbetracht dessen sprach Paulus von der christlichen Gemeinschaft als dem „neuen“ oder „geistlichen“ Israel. Wie das Alte Testament die Ankunft des Messias vorbereiten sollte, so sollte das Neue Testament die Bühne für die volle Verwirklichung von Gottes Vorsehung bereiten.

Mit jedem neuen Zeitalter gibt es einen großen Sprung vorwärts an religiösem Verstehen. Erfahrung und Weitblick. Die „Göttlichen Prinzipien“ sprechen daher von diesen drei Perioden als Stadien der geistigen Evolution.

Wegen des Sündenfalles wurde es notwendig, dass Gott und Mensch zur Wiederherstellung der Menschheit zusammenarbeiteten. Daher mühte sich Gott seit Adams Familie, die Grundlage für seine Vorsehung zu legen. Abraham war eine besonders hervorragende Gestalt für die Heilsgeschichte, weil mit ihm Gott endlich imstande war, eine substantielle Basis für die Wiederherstellung auf der Gestaltungsstufe zu sichern. Als Moses dem auserwählten Volk die Zehn Gebote brachte, befähigte das die Menschen, in ihrem Verständnis voranzuschreiten, und sie erlebten eine viel engere Beziehung zu Gott. Dieser auf die Thora ausgerichtete Glaube wurde später durch die Predigt der Propheten vertieft und verfeinert. Das ganze Alte Testament hindurch verlangte Gott daher von den Hebräern gegenüber dem mosaischen Gesetz Respekt und Gehorsam.

Wenn wir aber auf Glaube und Ethik der alttestamentlichen Periode zurückblicken, erkennen wir leicht ihre Schwächen. Von wenigen bemerkenswerten Ausnahmen abgesehen, bestand die hebräische Religion aus Tieropfern im Tempel von Jerusalem33, strenger Beobachtung der zahlreichen minutiösen Regeln, die vom mosaischen Gesetz vorgeschrieben wurden, und einem Stolz auf die Erwähltheit der Juden, der andere ausschloss. Wie die Propheten wiederholt erklärten, litt so ein Volksglaube an zahlreichen Schwächen.

Es gab einen anderen wichtigen Schwachpunkt in der alttestamentlichen Religion. Im allgemeinen stellte man sich Gott als furchterregenden, fast unnahbaren Monarchen vor, der auf einem Thron in entfernten Himmeln saß. Die Menschen blickten zu Ihm mit Furcht und Zittern auf, während Er Seine Angelegenheiten mit ihnen durch Vermittlung von Engeln führte.

So konnten sich diese treuen Diener Gottes nur bis zur Spitze der Gestaltungsstufe entwickeln. Zwischen der Art des geistigen Bewusstseins, das wir auf Erden erreichen, und der Ebene, auf der wir im Jenseits leben, besteht eine grundlegende Beziehung. Daher wurden die alttestamentlichen Patriarchen, Richter, Propheten, Weisen und frommen Könige „Form-Geister“, die fähig waren, die Gestaltungsstufe der geistigen Welt zu bilden.

Jedoch erlebte die alttestamentliche Periode das Aufblühen der messianischen Hoffnung. Als Ergebnis der Predigten des Jesaja, Jeremia und der anderen Propheten begann sich das auserwählte Volk nach einer engeren Beziehung zu Gott zu sehnen, nach einem neuen Bund und nach dem Anbruch eines idealen Zeitalters der Gerechtigkeit und des Friedens. Daher waren selbst die frommen Seelen des Alten Testamentes in der geistigen Welt darauf erpicht, beim nächsten Schrift von Gottes Wiederherstellungsprogramm mitzuarbeiten.

Die Sendung Jesu war es, den Menschen von der Gestaltungsstufe den ganzen Weg bis zur Vollendungsstufe zu erheben. Als der von Gott eingesetzte Messias suchte er die Distanz zwischen den Menschen und ihrem Schöpfer durch die Offenbarung des elterlichen Herzens des Allmächtigen zu verringern. Anstelle des furchtgeleiteten Gehorsams gegenüber dem Gott, dessen Name auszusprechen verboten war, bezog sich Jesus auf Gott als den liebenden Vater, Abba. Ähnlich schilderte er in seinen Gleichnissen die schmerzvolle Liebe des Vaters zu Seinen verlorenen Kindern. Auf diese Weise ging Jesus weit über den vom Tempel beherrschten und von der Thora begrenzten Glauben seiner Zeit hinaus. Seine Nachfolger wurden dadurch näher zu Gott gebracht und aus dem Stand von Knechten zu dem von adoptierten Kindern emporgehoben. Doch begegnete Jesus heftigem Widerstand. Da sein Wirken vor der Zeit abgebrochen wurde, verwirklichte Jesus die Wiederherstellung der Geschichte nur bis hin zur Wachstumsstufe. Daher wohnt er mit seinen Nachfolgern in dem Bereich, wo die Lebens-Geister wohnen und den die Evangelien Paradies nennen. Wie Jesus dem Schacher am Kreuz versprach: „Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein“ (Lk 23.43). Die alttestamentlichen Heiligen (Moses und Elias) stiegen zur Erde, um mit ihm zusammenzuarbeiten. Ähnlich haben die christlichen Heiligen und gott-ergebenen Menschen im Paradies ungeduldig auf die volle Verwirklichung des Reiches Gottes gewartet.

Wenn das messianische Zeitalter nun tatsächlich anbricht, sind wir als Kinder dieser Zeit in einzigartiger Weise fähig, auf die Vollendungsstufe gehoben zu werden, sowohl geistig wie leiblich, indem wir an der Errichtung des Reiches Gottes mitwirken. Endlich werden Menschen das Privileg haben, sich voll mit Gott zu vereinen und völlig in „göttliche Geister“ verwandelt zu werden, so dass sie die Freude und Herrlichkeit des Heim für immer teilen.

Einige Theologen wie Barth behaupten, dass alle Menschen zu allen Zeiten gleiche Distanz und Nähe zu Gott hätten: Gott war von Abraham nicht weiter entfernt als von Paulus, weil Er für Jedes Jahrhundert gleichermaßen transzendent sei. Nach Dafürhalten der „Göttlichen Prinzipien“ ist ein solcher Gedanke irrig. Wenn Gott in der Geschichte handelt, wie die Bibel betont, offenbart Er sich im Laufe der Zeit immer vollständiger. In Abrahams Tagen erschien Gott weit entfernt vom Menschen, doch in unserer Zeit scheint Er viel näher zu sein. Ein Vergleich: In früheren Zeiten reisten die Menschen zu Pferde, doch heute unternehmen wir gar Raumflüge. Ähnlich hat Gott, nach der Vereinigungstheologie, lange genug in der Geschichte gewirkt, dass unsere Zeit eine Zeit unvergleichbarer göttlicher Nähe und menschlicher Chance ist.

Der bespiellose spirituelle Fortschritt unserer Zeit ist das Ergebnis sowohl göttlicher wie menschlicher Errungenschaften. Das heißt, Jesus und alle Heiligen des Paradieses haben die Menschen auf der Erde kraftvoll inspiriert und ihnen geholfen. Gottes endzeitliche Vorsehung zu erfüllen. Die Vereinigungstheologie bezieht die Prophezeiung des Joel auf diese Zeit des zweiten Advents: „Danach aber wird es geschehen, dass ich meinen Geist ausgieße über alles Fleisch. Eure Söhne und Töchter werden Propheten sein, eure Alten werden Träume haben, und eure Jungen Männer haben Visionen“ (3. l). Diese Ausgießung des Geistes bezieht sich auf häufige parapsychologische Phänomene, hervorgerufen durch das Herabsteigen der mitwirkenden Geister.

Gründe zur Hoffnung

Die Vereinigungstheologie stimmt mit Origines und John Hick, einem neueren Vertreter der Apokatastasis, überein.34 Gottes vollständiger Triumph schließe notwendig universale Wiederherstellung und unbegrenztes Heil ein. Selbst Satan und seine Heere von Helfern müssen nicht nur entwaffnet, sondern auch mit Gott vereint werden. Wie Origines und die meisten Universalisten sagen die „Göttlichen Prinzipien“ voraus, dass die Umgestaltung dieser Welt in ein Reich Gottes kein langsamer, hingezogener Prozess sein muss, der mehrere Jahrhunderte in Anspruch nimmt.

Wie kann eine so erstaunliche geistige, intellektuelle, moralische und materielle Neugeburt geschehen? Zunächst braucht unsere Welt die Inspiration, die Führung und Kraft einer neuen Leitfigur. Biblische wie außerkanonische Apokalyptik hielt weitgehend dafür, dass das Neue Zeitalter durch eine von Gott geführte charismatische Gestalt ausgelöst werden müsse, die der menschlichen Faulheit, Skepsis und Unbeweglichkeit entgegenwirkt. Eine dynamische Leitfigur ist stets notwendig, um die Ebbe der Geschichte umzukehren. Infolgedessen besteht die unerlässliche Rolle eines Messias zum Teil darin, die Energie zu erzeugen, die für eine durchgreifende geistige, moralische und kulturelle Wandlung erforderlich ist.

Zweitens erinnert uns die Geschichte auch daran, dass jede messianische Gestalt nur Erfolg haben wird, wenn sie einen ergebenen Kern von energischen und talentierten Anhängern anzieht. Erklärt dies nicht, wie schwer es für Jesus war, sein Ziel zu erreichen? Wen gab es für ihn, auf den er sich verlassen könnte? Die Evangelien berichten, dass Jesus sich auf seine Jünger nicht verlassen konnte. Als Jesus auf großen Widerstand traf, verriet ihn Judas, verleugnete Petrus seinen Meister, und der Rest der Jünger brachte sich in Sicherheit. Wie anders hätte es kommen können, wenn Johannes der Täufer Jesus vorbehaltlos unterstützt hätte – oder wenn jemand mit den Fähigkeiten eines Paulus vor Palmsonntag auf seiner Seite gestanden hätte! So bedarf die Leitfigur zur Erfüllung ihrer von Gott bestimmten Aufgabe einer entschlossenen Gefolgschaft.

Drittens kann das langerwartete Neue Zeitalter wesentlich beschleunigt werden, wenn die Leitfigur in einem wohlwollenden statt einem feindlichen Umfeld wirken kann. Es muss ein positives Meinungsklima geben, damit Gott bei der Verwirklichung Seiner Erlösungsabsichten effektiv handeln kann. Das bedeutet, jedes Programm zur Wiederherstellung muss die Sympathie derer gewinnen, die in verantwortlichen und einflussreichen Positionen stehen. Wie anders hätte Jesu Laufbahn ausgesehen, wenn er die Unterstützung einer mächtigen Minderheit im Hohen Rat gewonnen hätte und/oder einige Freunde unter den Ratgebern der römischen Regierung. Man beachte, wie schnell sich das Christentum ausbreitete, als ihm einmal Konstantin sein Wohlwollen erklärt hatte. Daraus lässt sich der Schluss ziehen: Wenn einmal eine kleine Minderheit von Meinungsführern erkannt hat, dass solche Änderungen von allgemeinem Vorteil sind, würde die messianische Erneuerung unserer Welt mit großer Geschwindigkeit vonstatten gehen.

Viertens und letztlich wird eine Gott-zentrierte Bewegung durch die unermessliche Kraft der geistigen Welt unterstützt werden. Man sollte niemals den verändernden Einfluss derer unterschätzen, die in den Schriften „die himmlischen Heere“ genannt werden. Wenn wir auf Erden unser Engagement für die Errichtung des Reiches Gottes zeigen, wird die geistige Welt auf uns niederfließen, bis selbst in der Wüste die Rosen blühen, wie Jesaja es vorhersagte. Wenn Gott auf unserer Seite ist, wer kann dann gegen uns sein?

Wenn einmal die Ausgießung des Geistes beschleunigt wird, verändert sich die geistige Atmosphäre unserer Welt tiefgreifend. Die Menschen werden fähig sein, leichter Gottes Macht und Gegenwart wahrzunehmen. Die zwei Welten werden nicht länger geteilt bleiben, da die Menschen Visionen haben, Stimmen hören und Träume empfangen werden. Die Phänomene der geistigen Welt werden unsere alltägliche Erfahrung sein. Es wird dann leicht sein, über Gott zu sprechen und die Menschen von Gottes neuer Vorsehung zu überzeugen; Wie soll man jemand die Wärme des Frühlings erklären, der ihn nie erfahren hat? Es fällt ihm schwer zu glauben, dass er keinen schweren Mantel mehr braucht. Doch wenn der Frühling wirklich kommt, legt er seine Winterkleidung ganz von selbst ab. In einem beträchtlichen Ausmaß finden diese geistigen Phänomene bereits statt, und Bücher, Zeitungen und andere Massenmedien berichten darüber. Doch denken wir daran, dass unsere menschlichen Aktivitäten ebenfalls immer intensiver werden.

Haben Sie sich jemals gefragt, wie universales Heil oder Gottes Reich auf Erden möglich sein soll? Wie kann sich alles so radikal verändern? Es scheint mir, dass diese weittragenden Verbesserungen möglich sind, sobald sich das geistige Milieu einmal grundlegend verändert hat. Wenn unsere Lebensweise durch Flugzeuge, Fernsehen und Raumfahrt so drastisch umgekrempelt wurden, um wieviel größer werden die Veränderungen sein, wenn alles von einer dynamischen und positiven geistigen Atmosphäre durchdrungen wird!

Anmerkungen
1 Norman Perrin, The New Testament. An Introduction (1974).74-77,159,163,172f.200f, 218.
2 Helmut Koester, History and Literature of Early Christianity (1982), Bd. II. 73-85,147,150.184f.241-261.
3 Die Göttlichen Prinzipien (1972). 537-574.
4 M. Eliade, Schamanismus (engl.1970) und andere Werke.
5 G. Deleury, A Hindu Go for Technopolis, in: J.B. Metz (Hrsg.) New Questions on God(1972),135.
6 D.H. Olive. Wolfhart Pannenberg (1973),44f.
7 A. Koestler, Janus: A Summing Up (1978).
8 Enzyklika Divini Redemptoris (1937).
9 Man’s Disorder and God’s Design (l 948), 194; The Christian Hope and the Task of the Church (1954),35.
10 S.H. Lee, Communism: A Critique and Counter Proposal (1973).
11 Erwähnt bei O. Cullmann, in: Christus und die Zeit (engl. 1964) und G.C. Berkouwer, The Return of Christ (1972). 146.
12 R. Niebuhr. Nature and Destiny of Man (1964). Vd.II.86f.
13 Die „Samguk Yusa“ (E.T. 1972).
14 V.F. Hopper. Medieval Number Symbolism (1969), 69-88.
15 FA. McKenzie. Korea’s Fight for Freedeom (1920).
16 B. Weems, Reform, Rebellion and the Heavenly Way (l 966).
17 Die Göttlichen Prinzipien (1972), 561 ff.
18 Brief 138, an Marcellinus.
19 N. Berdjajew, Der Anfang und das Ende (engl. 1952), 235-239.
20 J. Danielou. Origines (engl. 1955),276-289.
21 F. Schleiermacher, Der christliche Glaube (engl. 1960).547f.
22 E. Stauffer. New Testament Theology (1955),222.
23 N. Berdjajew, Die Bestimmung des Menschen (engl.),273-283.
24 J.A.T. Robinson, In the Ende God (1968),132f.
25 A. Tennyson, „In Memoriam“, LIV.
26 Vgl.J.E Odgers’ „Universalismus“, in: Hastings Encyclopedia of Religion and Ethics (1922)
27 Berdjajew. a.a.O. 276.
28 H. U. v. Balthasar, Wort und Erlösung (engl. 1965); K. Rahner, Schriften zur Theologie IV (engl. 1974),339-340.
29 K. Barth. Kirchliche Dogmatik II/2 (engl. 1957),477.
30 Vgl. H. Schwarz. On the Way to the Future (1972). 146f.
31 E.Brunner, Dogmatik (1962), Bd.3,419.
32 G. Papini, The Devil (1954).
33 Die „Göttlichen Prinzipien“ deuten das Opfersystem der alttestamentlichen Periode als symbolische Darstellung des menschlichen Bedürfnisses nach einem Mittler.
34 J. Hick, Evil and the God of Love (1966).373-385.

Diesen Beitrag teilen.

PinIt

Verwandte Beiträge

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *